Frühjahr 2020: Alles wird anders
Als im März 2020 die ersten COVID-19-Lockdowns über Europa verhängt wurden, war klar: Das gewohnte Leben würde für eine unbekannte Zeit pausieren. Veranstaltungen wurden abgesagt oder verschoben. Büros schlossen. Die Welt übte kollektiv das Arbeiten auf Distanz. Für den Blockchain Hackathon Stuttgart, der traditionell als zweitägiges Präsenzevent mit gemeinsamem Arbeiten, spontanen Gesprächen und geteilter Pizza gelebt worden war, war das eine Fundamentalherausforderung.
Zunächst wurde die ursprünglich geplante Veranstaltung auf unbestimmte Zeit verschoben. Dann entschloss sich das Organisationsteam, das Event grundlegend neu zu denken: nicht als abgeschwächte Version des Präsenz-Hackathons, sondern als eigenständiges Online-Format, das die Möglichkeiten des digitalen Raums nutzt. Als Save-the-Date war bereits der 17. Juli 2020 kommuniziert worden – dieser Termin blieb bestehen.
Das Jahr, in dem DeFi Summer alles veränderte
Während die Welt mit der Pandemie rang, spielte sich in der Blockchain-Welt etwas Beispielloses ab: der DeFi-Sommer 2020. Was im Juni mit Compounds Liquidity-Mining-Programm begann – Nutzerinnen und Nutzer erhielten COMP-Governance-Token dafür, dass sie die Plattform nutzten – löste eine Kettenreaktion aus, die das DeFi-Ökosystem innerhalb weniger Monate grundlegend veränderte.
Uniswap V2 ermöglichte es jedem, Token-Tauschpools zu erstellen und Liquidität bereitzustellen. Yearn Finance automatisierte Yield-Strategien für normale Nutzerinnen und Nutzer. SushiSwap fork-te Uniswap und versuchte über Vampire-Mining-Mechanismen Liquidität zu absorbieren. Das Gesamtvolumen in DeFi-Protokollen explodierte – und mit ihm die Ethereum-Gaspreise. Eine einfache Uniswap-Transaktion konnte zeitweise umgerechnet mehrere Dutzend Euro kosten.
All das war nicht Hintergrund-Rauschen, sondern unmittelbar relevant für den Hackathon: Die Teams, die sich im Juli 2020 online zusammenfanden, bewegten sich mitten in einem lebendigen Experiment. DeFi war nicht mehr Theorie – es war gelebte Realität, wenn auch noch für eine überschaubare Community.
Das Format: Zwei-Stunden-Kickoff plus asynchrone Hackathon-Phase
Das Online-Format wurde zweiteilig konzipiert. Am 17. Juli 2020 fand eine komprimierte 2-stündige Online-Session statt: eine Begrüßung, Kurzvorträge zu den Challenge-Themen und DeFi-Kontext, Teambildung in separaten Video-Breakout-Räumen, und eine abschließende Zusammenkunft, um die Teams und ihre Ziele vorzustellen. Diese Session bildete den offiziellen Startpunkt.
Daran schloss sich eine erweiterte asynchrone Hackathon-Phase an. Teams arbeiteten in eigenen Zeitfenstern, kommunizierten über Slack-Channels und teilten Fortschritte über gemeinsame Code-Repositories. Mentoring erfolgte über buchbare Video-Call-Slots, bei denen Expertinnen und Experten zu spezifischen technischen Fragen zur Verfügung standen. Abschlusspräsentationen wurden als Video-Einreichungen oder in einer gemeinsamen Online-Demo-Session präsentiert.
Die Challenges: Vom DeFi-Sommer inspiriert
Die Challenge-Themen 2020 spiegelten die aktuellen Entwicklungen im DeFi-Ökosystem direkt wider. Was in der „realen" DeFi-Welt gerade geschah, wurde zum Ausgangspunkt für die Hackathon-Aufgaben:
Yield-Optimierungsstrategien
Inspiriert von Yearn Finance: Wie lässt sich Kapital automatisiert zwischen verschiedenen DeFi-Protokollen verschieben, um die höchste risikobereinigte Rendite zu erzielen? Teams entwickelten eigene Vault-Konzepte und Strategie-Smart-Contracts. Die Herausforderung lag nicht nur in der Implementierung, sondern auch in der Modellierung von Risiken: Impermanent Loss, Smart-Contract-Risiken, Liquiditätsrisiken – all das musste in die Strategie-Logik eingeflossen werden.
Liquiditätsprovisions-Mechanismen
AMMs wie Uniswap hatten gezeigt, dass dezentrale Liquiditätspools funktionieren. Aber die klassische x·y=k-Formel hat Schwächen: Kapital wird ineffizient eingesetzt, da es über alle Preisbereiche verteilt ist, nicht konzentriert dort, wo Handel stattfindet. Teams experimentieren mit alternativen Kurvendesigns und Konzentrations-Mechanismen – Ideen, die Uniswap V3 ein Jahr später mit konzentrierter Liquidität umsetzen würde.
Gasoptimierung und Layer-2-Ausblick
Angesichts explodierender Ethereum-Gaspreise war Kosteneffizienz 2020 ein ernsthaftes Problem. Ein Challenge-Track beschäftigte sich mit Wegen, die Transaktionskosten zu senken: durch Smart-Contract-Optimierung, durch Batching von Transaktionen, oder durch erste Experimente mit Off-Chain-Berechnungen. Dieser Track war ein Vorläufer der großen Layer-2-Debatte, die den Hackathon 2021 prägen würde.
Offen für Europa: Der unerwartete Vorteil des Online-Formats
Was als Notlösung begann, entpuppte sich als echter Mehrwert: Das Online-Format öffnete den Hackathon für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sonst nicht nach Stuttgart hätten reisen können. Entwicklerinnen und Entwickler aus Berlin, München, Wien und anderen europäischen Städten fanden sich in den Teams. Die geografische Diversität brachte auch thematische Breite: Wer bisher nur lokale Perspektiven gekannt hatte, arbeitete plötzlich mit jemandem zusammen, der ein DeFi-Protokoll bereits aus eigener Anwendererfahrung kannte.
Gleichzeitig gingen einige der Qualitäten verloren, die das Präsenz-Format ausmachten: die spontanen Gespräche am Kaffeetisch, das gemeinsame Debuggen bis tief in die Nacht, die greifbare Energie eines Raums voller fokussierter Menschen. Das Online-Format war anders – nicht schlechter, aber anders. Es war ein eigenes Format, nicht nur eine digitale Kopie des Präsenz-Hackathons.
Ausblick auf 2021: Das Ende der Übergangslösung
Der Hackathon 2020 hatte gezeigt, dass das Event auch unter widrigsten Umständen stattfinden kann – und dass Online-Formate echte Vorteile haben. Gleichzeitig war klar, dass das Präsenz-Format nicht dauerhaft ersetzt werden sollte. Für 2021 wurde ein erneutes Präsenzevent anvisiert, das die Erkenntnisse aus dem Online-Jahr aufnehmen und den DeFi-Sommer ebenso verarbeiten würde wie die neuen Themen, die 2020 entstanden: NFTs, Layer-2-Skalierung, DAOs. Die Community war bereit – und der Nachholbedarf nach physischer Begegnung war groß.
